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Neujahrsempfang der Stadt Trossingen
Der Neujahrsempfang der Stadt Trossingen ist mittlerweile eine von vielen Bürgerinnen und Bürgern geschätzte Möglichkeit, sich über das Geschehen in der Stadt zu informieren, einander zu treffen und sich auszutauschen. Am Sonntag begrüßte Bürgermeisterin Susanne Irion rund 450 Gäste im Konzerthaus und kam mit vielen von ihnen ins Gespräch. Bei der Verleihung der Bürgermedaille an Gérard Deleye gab es nicht nur rührende Worte, sondern eine Woge der Sympathie, die dem Wahl-Trossinger zuteilwurde. Er, der schwäbische Franzose, ist ein wichtiges Mitlieder der Stadtgesellschaft und wurde deshalb für sein außergewöhnliches ehrenamtliches Engagement geehrt.
„Er ist ein Vollblutmusiker“, sagte Ernst Burgbacher, Parlamentarischer Staatsekretär a.D., der die Laudatio auf Gérard Deleye hielt und als enger Freund viel über ihn zu berichten wusste. „Du und deine Familie, ihr seid ein Glücksfall für Trossingen“, sagte Burgbacher und zählte einige der Ehrenämter auf, die Deleye in seinen bisherigen 44 Trossinger Jahren übernommen hat: Er hat nicht nur die Stadtkapelle wiedergegründet, sondern war auch von 2001 bis 2012 ihr Vorsitzender, er engagiert sich als Museumsführer in deutscher und französischer Sprache und ist seit 20 Jahren im Cluses-Komitee aktiv, seit langem auch als dessen Vorsitzender. Barrieren im Kopf zu überwinden, das sei eins der Ziele Deleyes. „Du hast unzählige Begegnungen zwischen Trossingern und Clusern initiiert und du bist immer vorne dabei, wenn es ums Arbeiten geht.“ Deleye, so Burgbacher, sei ein „vorbildlicher Bürger dieser Stadt, der das Wort Nein nicht kennt“.
Gérard Deleye war sichtlich gerührt von den Worten Burgbachers und auch vom überraschenden Besucher der Cluser Delegation. Er dankte Bürgermeisterin Susanne Irion und ihrem Cluser Amtskollegen Jean-Philippe Mas. Auf beide könne er immer bauen, wenn es um die Städtepartnerschaft geht. Als Berufsmusiker sei er viele Jahre durch ganz Europa gereist und habe immer in Hotels gelebt. Doch hier in Trossingen habe er schließlich seine Heimat gefunden.
Die Rede von Bürgermeisterin Susanne Irion benannte die Herausforderungen der kommenden Monate und Jahre deutlich und strahlte gleichzeitig Optimismus und Zuversicht aus. Sie verglich die Trossingen mit einem Teenager: Jede Hose zu kurz, er hat einen unbändigen Appetit, benimmt sich bisweilen daneben und verändert sich so schnell, dass wir ihn manchmal von einer auf die nächste Nacht kaum wiedererkennen. Der Vergleich kommt nicht von ungefähr, sondern schlägt eine Brücke zur wachsenden Stadt: Trossingen wird bald 18.000 Einwohner haben, die Bevölkerung ist im Vergleich zum Landesschnitt drei Jahre jünger als im Rest Baden-Württembergs, die Anforderungen an die Infrastruktur also besonders im Bildungsbereich groß. Der Investitionsbedarf ist aber auch bei der „Schaffung neuer Arbeitsplätze, der Schaffung von Wohnraum für alle Generationen, der Unterhaltung und Erweiterung der Sport- und Freizeitanlagen, dem Unterhalt unserer Straßen, Kläranlagen und nicht zuletzt der Energiewende groß. Dafür wollen und müssen wir im kommenden Jahr rund 13,5 Millionen Euro investieren und müssen dafür Kredite in Höhe von 3,5 Millionen Euro aufnehmen“, fasste die Bürgermeisterin zusammen.
Sie berichtete auch von der verbesserten Kameraüberwachung im Stadtgebiet und ihrem Gespräch mit Polizeistaatssekretär Blenke über einen nächtlich besetzten Polizeiposten. „Objektiv ist unsere Kriminalitätsstatistik unauffällig. So konnte man mir einen nächtlich besetzten Polizeiposten nicht zusagen. Allerdings haben wir in den Abendstunden phasenweise deutlich mehr Polizeipräsenz und Schwerpunktaktionen.“
Auch die Nutzung öffentlicher Räume für die Allgemeinheit waren ein Thema ihrer Rede. Denn diese müssen, so die Bürgermeisterin „mehr Aufenthaltsqualität bekommen und werden der Garten und die Terrasse für alle, in dem wir uns begegnen, Zeit verbringen und Feste feiern. Und vielleicht ist es auch das was wir brauchen – mehr echte Begegnungen, statt Rückzug in digitale Welten in unseren vier Wänden. Das wünsche ich mir für den Maschke-Platz und freue mich auf die Bürgerbeteiligung zur Gestaltung, die dieses Jahr konkreter wird.“
Konkret wurde sie auch bei Problemen rund um die gestiegene Migration. „Rund ein Viertel der Trossinger Bevölkerung hatte 2024 tatsächlich keinen deutschen Pass. Die jüngere, starke Migration der letzten zehn Jahre stellt uns vor Herausforderungen. Anders als in früheren Migrationswellen stellt sich der Spracherwerb als schwieriger dar. In vielen Kindergartengruppen wird in 9 von 10 Elternhäusern nicht deutsch gesprochen. Der Schüssel dazu wird sein, wie gut wir Kinder und Jugendliche begleiten. Einerseits weil es unsere moralische Verpflichtung ist. Andererseits weil es eine volkswirtschaftliche Notwendigkeit darstellt. Wir begegnen dem seit einigen Monaten mit mehr Sprachförderung in den Kitas und werden in Baden-Württemberg eine der ersten Startchancen Schule haben, deren Zielsetzung mehr Chancengerechtigkeit ist.“
Dass all diese Dinge Geld kosten, damit hielt Irion nicht hinter dem Berg: „Wer den Wohlstand und die Prosperität unserer Stadt für morgen sichern will, muss heute investieren und dabei auch bereit sein, vorübergehend eine steigende Verschuldung zu akzeptieren.“ Sie richtete sich an die mittlere Generation: „Die derzeitige Situation verlangt gerade den Leistungsträgern, also der berufstätigen Generation und all denjenigen, die sich bürgerschaftlich einbringen, viel ab. Sie sind die Stadtmütter und die Stadtväter, denen gegenüber viel zu selten Dank ausgesprochen wird.“
Am Ende dankte sie all denen, die sich für Trossingen einbringen: „Wir können nicht jede gesellschaftliche oder wirtschaftliche Entwicklung beeinflussen – aber wir können für unsere Stadt das Beste daraus machen. Veränderung braucht Mut und sie kostet uns Kraft. Aber hinter jeder Schwierigkeit stehen ungeahnte Chancen, die ich auch 2025 gerne gemeinsam mit Ihnen am Schopf packen will!“
Eunike Olivia Brotzmann, Kolja Gaymann (vierhändig am Klavier) und Florian Hermerschmidt (Marimbaphon) bereicherten den ersten Teil der Veranstaltung mit ihren musikalischen Auftritten. Sie sind herausragende Schüler der Trossinger Musikschule und Preisträger bei Jugend musiziert.
Für die meisten Zuhörer im positiven Sinne ungewohnt war das anschließende Konzert von Prof. Schorer und dessen Schlagzeugklasse der Staatlichen Hochschule für Musik. Mit Marimaphon und Vibraphone und Schlaginstrumenten beeindruckten sie das Publikum. Da saßen die drei auch mal am Bühnenrand, ließen die Beine baumeln und spielten „Stück für 3 Schlagzeuger“ von Wolfgang Rihm, das mit einer selbstverpassten Ohrfeige endete

